Ein Schwabenkrimi von Andreas Franck

veröffentlicht in Fortsetzungen in der GABL-Postille

direkt zur aktuellen Folge springen

 

Teil 1:

An der Waldbegehung nahmen alle Mitglieder des Gemeinderats teil. Nur die GRÜNEN waren dieses Jahr ausnahmsweise nicht dabei. Es hatte tagelang geschüttet, im Hohlweg floss gurgelnd ein wilder Bach. Zwei Räte rutschten mit vor Schreck geweiteten Augen den Abhang in Richtung Mülldeponie herunter. "Ein Stadtrat kennt keine Angst", rief ein dritter und stürzte sich kopfüber zu den beiden Kollegen in die braune Tiefe. Er landete im Brombeergestrüpp, wo seine klobigen Bergschuhe auf etwas Weiches trafen. Da lag sie nun - die ehemals schöne Amtsbotin, mit vom Tod entstellten Gesichtszügen und nackten Beinen. Ohne mit der Wimper zu zucken berief der Bürgermeister sogleich eine Sit­zung des Ältestenrats ein. Es war zweifellos ein Mord geschehen, und der Verdacht fiel unwillkürlich auf die nicht anwesenden Stadträte der GRÜNEN. Hatten sie nicht das Auffinden der Leiche boykottiert? Andererseits ... (Fortsetzung folgt)

Teil 2 :

(veröffentlicht in der GABL-Postille vom Mai 2007)

... Andererseits wies der in das Gestrüpp gesegelte Stadtrat im Gesicht und an den Händen merkwürdige Blut- und Kratzspuren auf. "Diese stammen von den Brombeerdornen, nicht von der Amtsbotin", sagte er im Ältestenrat. Doch das war ein allzu plumpes Ablenkungsmanöver, das selbst die Kreiszeitung durchschaute. Sie veröffentlichte einen einseitigen Artikel mit einem großen Brombeer-Bild als Blickfang. Schließlich hatte der zerkratzte Stadtrat mit der Amtsbotin jüngst lecker zu Abend gespeist und sie anschließend auch noch auf ihr Fahrrad gehoben. So wurde er wegen Befangenheit im Amt für ein halbes Jahr von allen Sitzungen ausgeschlossen. Aus Protest gegen diese Entscheidung stellten seine geschockten Fraktionskollegen einen Antrag. Das Radwege-Konzept der Stadt sollte aufgegeben werden, weil sich nun endgültig erwiesen habe, dass Radfahren lebensgefährlich sei. "Ich habe da noch ein paar Fragen", meldete sich eine Stadträtin von rechts zu Wort. Im Saal breitete sich das blanke Entsetzen aus. Doch bevor sie die erste Frage stellen konnte, brach die Stadträtin zusammen. Unverzüglich ... (Fortsetzung folgt)  

Teil 3 :

(veröffentlicht in der GABL-Postille vom Juni 2007)

...Unverzüglich bewies der Bürgermeister Führungsqualitäten. Er berief eine Sitzung des Ältestenrats ein. Zwei Frauen waren nun schon ermordet worden, die hübsche Amtsbotin, die so gern mit einem Stadtrat essen ging, und die Stadträtin, die am Ende der Sitzungen immer noch Anfragen stellen musste, wenn alle nach Hause wollten. Vergiftetes stilles Wasser hatte ihrem aufblühenden Leben ein jähes Ende bereitet. Die Amtsbotin aber war mit einem scharfen Küchenmesser erstochen worden, das die GRÜNEN beim letzten Wahlkampf in mehreren hundert Exemplaren auf dem Wochenmarkt verteilt hatten. Das deutete auf einen Serientäter hin. Ob der sich auch an Männern vergreifen würde? Furcht breitete sich im Saale aus. Betreten schauten sich die männlichen Stadträte gegenseitig in die Augen. Wer würde das nächste Opfer sein? Am ehesten kam dafür ein Stadtrat in Frage, der jedes Mal dann befangen war, wenn ein Haus gebaut werden sollte. Und so beschloss man einstimmig, den gefährdeten Stadtrat für ein halbes Jahr von allen Sitzungen auszuschließen. Wutentbrannt verließ dieser den Saal, nicht ohne dem Gremium einen unzüchtigen Abschiedsgruß zuzurufen. Plötzlich zuckten die restlichen Mitglieder des Ältestenrats zusammen. War draußen im Vorraum nicht ein Schuss gefallen? Niemand wagte hinaus zu gehen. Doch der Bürgermeister bewies ... (Fortsetzung folgt)

Teil 4 :

(veröffentlicht in der GABL-Postille vom Juli 2007)

Doch der Bürgermeister bewies Führungsqualitäten. Mit den Worten "Ein Bürgermeister kennt keine Furcht" stürzte er unverzüglich aus dem Saal. Doch was sah er im Vorraum? Da stand er, der ausgeschlossene Stadtrat, rauchte eine Zigarillo und trank mit breitem Grinsen ein Glas Sekt. Erleichtert stürzte der Bürgermeister in den Saal zurück und berief unverzüglich eine Sitzung des Gemeinderats ein. Beim Tagesordnungspunkt Bau des Bekleidungszentrums waren sechs Stadträte befangen. Ein Stadtrat war der Geldgeber, ein Stadtrat wollte das Zentrum betreiben, ein Stadtrat war der Mann der Architektin, einem Stadtrat gehörte das Grundstück, einem Stadtrat gehörte es nicht, und ein Stadtrat der GRÜNEN hatte eine Mutter, die im Bekleidungszentrum einkaufen wollte. Da eine Stadträtin vergiftet worden war, weil sie immer Anfragen stellte, zwei Stadträte für jeweils ein halbes Jahr Hausverbot hatten, der eine, weil er verdächtigt wurde, die schöne junge Amtsbotin mit einem scharfen grünen Küchenmesser erdolcht zu haben, der andere, weil man befürchtete, er könne das nächste Opfer sein, und weil drei Mitglieder der äußersten Rechten aus Altersgründen nicht mehr ins Rathaus kommen konnten, war das Gremium beschlussunfähig. Unverzüglich stellte der Bürgermeister fest, dass der Tagesordnungspunkt nicht behandelt werden könne. "Sehr richtig!", sagte eine Stadträtin von der linken Seite. Doch das waren ihre letzten Worte. Kopfüber sackte sie in sich zusammen und konnte die ihrer Meinung nach maßvolle Erhöhung der Kindergartengebühren um 5,13 Prozent nicht mehr loben. Hatte der heimtückische Serienmörder sein drittes Opfer gefunden? Allerdings ...  (Fortsetzung folgt)

PS: Nachschrift der GABL-Redaktion: Unmittelbar nach der Niederschrift des 4. Teils ist unser Autor Andreas Franck in den Urlaub gefahren. Deshalb kann er vorläufig auf die vielen Leserbriefe nicht antworten. Ungeduldig wird in Leserkreisen vor allem eins gefragt: Wann endlich erscheint der Titelheld Manny Mailman auf der Bildfläche? Die GABL-Redaktion bittet außerdem alle Leserinnen und Leser, die im Jahre 2004 auf dem Wochenmarkt ein grünes Küchenmesser geschenkt bekommen haben, sich unverzüglich zu melden.

Teil 5:

(veröffentlicht in der GABL-Postille vom Oktober 2007)

Allerdings wähnten sich die männlichen Stadträte nun in Sicherheit. Denn der schreckliche Dreifachmörder, der die bislang so still und friedlich zwischen den Verkehrsströmen daliegende Stadt in Atem hielt - dieser heimtückische Mordgeselle hatte ausschließlich Frauen auf dem Gewissen: Erstens die schöne, Fahrrad fahrende Amtsbotin, zweitens die Stadträtin, die immer so fleißig die Fragen aus der Mitte des Volkes vor die Ohren der Stadtgewaltigen getragen hatte und drittens die Sozialpolitikerin, die alle Gebührenerhöhungen mit ihrer Zustimmung maßvoll abgefedert hatte. Als nun aber der Bürgermeister auf Vorschlag der wie immer obrigkeitstreuen links sitzenden Fraktion Führungsqualitäten bewies und nicht den Ältestenrat einberief, sondern eine Podiumsdiskussion, gerieten auch die beiden Stadträtinnen der GRÜNEN, die bisher eine verdächtige Ruhe ausgestrahlt hatten, in Panik. Denn die fünf Diskutierer auf dem Podium - der Erste-Hilfe-Chef, der Letzte-Hilfe-Chef, der Finanz-Chef, der Straßenbau-Chef und der Chef-Beauftragte für Wirtschaftshilfe - beschlossen einstimmig, zur Verhinderung weiterer Morde das Fahrrad der toten Amtsbotin zu beschlagnahmen. Da brach im Publikum derjenige Stadtrat zusammen, der mit der Amtsbotin, als sie noch schön gewesen war, gespeist hatte. Schal im Ge­sicht und vollständiger Sätze nicht fähig, gestand er sowohl, mit den anderen beiden hingemordeten Frauen ebenfalls gespeist zu ha­ben, als auch, dass er sich das Fahrrad der schönen Amtsbotin gesetzwidrig angeeignet hatte. "Her damit", rief der Chef-Be­auftragte für Wirtschaftshilfe triumphierend. Aber das Fahrrad war dem Stadtrat gestohlen worden, als er sich kurz in eine Buchhandlung verirrt hatte. "Das kann ich bestätigen", rief der Bürgermeister kraftvoll. "Ich habe mit dem soeben Zusammengebrochenen in der Buchhandlung 20 Minuten geschwätzt." - "Haben Sie etwa auch ein Buch gekauft?" fragte der Finanz-Chef besorgt. Da stieg im Publikum ein schrecklicher Verdacht auf. Sollte der Bürgermeister mit dem Fahrraddieb unter einer Decke stecken? (Fortsetzung folgt)

Teil 6:

(veröffentlicht in der GABL-Postille vom November 2007)

Dem Aufruf der GABL-Redaktion, sich zu melden, wenn man ein scharfes grünes Küchenmesser besaß, waren zehn Bürgerinnen und Bürger der Stadt so einfältig zu folgen. Sie wurden sofort verhaftet und in das unter Denkmalschutz stehende Gefängnis gebracht. War doch die schöne, Fahrrad fahrende Amtsbotin mit einem solchen Messer ermordet worden. Dennoch wollte in die Stadt keine Ruhe einkehren. Besonders derjenige für ein halbes Jahr kaltgestellte Gemeinderat, der immer befangen war, wenn ein Haus gebaut wurde, schien weiterhin in Lebensgefahr zu schweben. Vor allem, seitdem er nicht mehr gesehen ward. „Er wird doch nicht dem Alkohol verfallen sein?“ sorgte sich der Chef-Beauftragte für Wirtschaftsförderung. Doch dann zog man den suspendierten Stadtrat aus dem Flüsschen, das ungereinigt die Stadt umkreiste. Mausetot war er, aber nicht ertrunken und nicht erstickt. Ein grünes Küchenmesser steckte in seiner Brust. „Schreck, lass nach“, sagte der Bürgermeister und entließ unverzüglich die zehn Verhafteten aus dem Gefängnis. Dann zeigte er Führungsqualitäten und rief diejenigen Bürgerinnen und Bürger der Stadt auf, sich zu melden, die zwei grüne Küchenmesser geschenkt bekommen hatten, diese aber jetzt nicht mehr besaßen. Ein Stadtrat der bürgerlichen Mitte, stellte den Antrag, die Meldefrist um acht Wochen zu verlängern. „Nein“, sagte der Bürgermeister kraftvoll, „in dieser Zeit können ja noch viele andere Stadträte umgebracht werden.“ Sollte der Bürgermeister mit seiner Prognose Recht behalten? Würde es einen fünften Toten geben? (Fortsetzung folgt)

Teil 7:

(veröffentlicht in der GABL-Postille vom Dezember 2007)

"Manche befinden sich auf dem richtigen Weg und glauben, das liege an ihnen selbst", sagte Manfred, der Amtsbote, und schwang sich auf sein Fahrrad, das dem verschwundenen Vehikel der toten Amtsbotin verdächtig ähnlich sah. Er hatte es eilig, denn die Drucksachen, die er den Mitgliedern des Gemeinderats zustellen musste, waren wieder einmal viel zu spät fertig geworden. Gott sei Dank, dass außer seiner Kollegin, der Amtsbotin, drei Mitglieder des Gemeinderats ermordet worden waren. Denen brauchte er die Papiere nicht mehr zuzustellen. Normalerweise wurde der Gemeinderat durch Nachrücker wieder aufgefüllt, wenn jemand ausschied. Aber in dieser mörderischen Atmosphäre wagte keiner der Nachrücker, sein Amt anzutreten. "Wir sind das Salz in der Suppe und sorgen für würzige Politik", sagte der Vize-Präsident einer Zwei-Mann-Partei, als er die Drucksachen von Manfred erhielt, und legte sie zur Seite. Er würde sie sowieso nicht lesen. "Zuviel Salz verdirbt die Suppe", antwortete Manfred, "dann lieber etwas Grünes hinein, das macht sie schmackhafter". Aber wie groß war seine Freude, als er die Drucksachen in den Briefkasten einer Stadträtin der GRÜNEN stecken wollte. Der Schlitz war mit braunem Klebeband verschlossen, und eine Adresse in Rio de Janeiro deutete auf den Fluchtweg hin, den die Stadträtin genommen hatte. Genug hatte sie von der mörderischen Atmosphäre in dieser südwestdeutschen Kleinstadt und hoffte, sich in der friedlichen Metropole Brasiliens in einer Wohnung mit Blick aufs Meer für unbestimmte Zeit erholen zu können. Aber hatte sie nicht einen unverzeihlichen Fehler begangen, als sie ihre Adresse an den Briefkasten geklebt hatte? Manfred jedenfalls zog einen Zettel aus seiner Tasche und strich den Namen der Stadträtin durch. Wieder eine Drucksache weniger zuzustellen. (Fortsetzung folgt)

Teil 8:

(veröffentlicht in der GABL-Postille vom Januar 2008)

In dieser Situation kam es auf die Führungsqualitäten des Bürgermeisters an. Zwar hatten sich die Mehrheitsverhältnisse im Gemeinderat durch die drei Toten nicht geändert (zwei hatten rechts und einer links gesessen, und eine Rätin der grünen Mitte war ausgewandert), aber es drohte doch die Beschlussunfähigkeit des Gremiums, weil drei Mitglieder der äußersten Rechten nicht mehr an den Sitzungen teilnehmen konnten (es sei denn, man hätte die Sitzungen ins Altersheim verlegt).

So verhandelte der Bürgermeister ohne Berührungsängste mit der links sitzenden, aber nicht links stehenden Fraktion, die so gern Regierungspartei war. 100 000 Euro wollte diese wie immer zielklar ins Ungewisse blickende Fraktion für ein Gutachten ausgeben. Das war die Lösung: ein Gutachten! Der Bürgermeister nickte. Der Finanzbürgermeister nickte. Der links sitzende Fraktionschef nickte. "Wir stellen den Antrag unter dem Punkt Verschiebenes". Immer wenn man nichts tun wollte, wenn in der Öffentlichkeit aber nicht bekannt werden sollte, dass man nichts tat, musste man ein Gutachten in Auftrag geben. Bis das fertig wurde, verging ein halbes Jahr, und dann konnte man das Gutachten in der Schublade verschwinden lassen. In der Öffentlichkeit war so ein Gutachten gut ge­achtet, denn man hatte Führungs­qualitäten bewiesen. Oh, sagte Manfred, der Amtsbote entsetzt, dann muss ich ja demnächst dicke Pakete austragen. Und da er sich in seiner immer länger werdenden Freizeit wei­ter gebildet hatte, zitierte er einen deutschen Klassiker: "Dies ist die Zeit der Gutachten nicht mehr. Schämet euch, dass Ihr noch ein Gutachten wollt; Ihr seid zu alt, Zu eurer Väter Zeiten wärs ein anderes gewesen. Euch ist nicht zu helfen, wenn ihr selber euch nicht helft". Nach diesem Motto verfuhr aber nur die Fraktion der GRÜNEN. Ihr Sprecher kündigte an, dass die soeben ausgewanderte GRÜNEN-Stadträtin schnurstracks aus Brasilien zurückkehren werde, wenn die Stadt ein Gutachten in Auftrag gebe. Entsetzen breitete sich rechts und links im Saal aus. Dann doch lieber kein Gutachten. Auch war inzwischen gar nicht mehr klar, wofür das Gutachten eigentlich gut sein sollte. "Ein Gutachten ist für alles gut", rief der Chef der links sitzenden Fraktion. Das jedoch waren seine letzten Worte in diesem Gremium. Denn ... (Fortsetzung folgt)

Teil 9:

(veröffentlicht in der GABL-Postille vom Februar 2008)

Denn der Fraktionschef musste aus dem Gemeinderat ausscheiden, da er vom Bürgermeister einen lukrativen Posten zugeschanzt bekam und in die Stadtverwaltung aufrückte. Fortan saß er zur Rechten des Ortschefs, als Chefbeauftragter zur Begutachtung von Gutachten.

Auch die Anträge aller Fraktionen, besonders aber die der GRÜNEN, landeten nun zuallererst auf seinem Schreibtisch, der sich in einer früheren Zahnarztpraxis befand. Sie landeten deshalb auf seinem Tisch, damit er im Auftrag des Bürgermeisters prüfe, wie man guten Gewissens Mehrheiten organisiere. Der ehemalige Chef der links sitzenden Fraktion verbrachte jetzt also einen großen Teil seines Lebens gewissermaßen damit, das schlechte Gewissen, das die GRÜNEN der Stadt immer machten, wegzudenken.

"So geht es also auch", sagte Manny Mailman, pardon, Manfred der Amtsbote, und strich einen weiteren Namen von seiner Drucksachen-Zustell-Liste. Dann dachte er noch bei sich: Besser wäre es freilich für mich, wenn die Gemeinderäte in den drei Vororten der Stadt ausfielen, dann bräuchte ich die weiten Wege nicht mehr mit dem Radl meiner toten Kollegin zu fahren. Das sagte er aber nicht laut, denn sonst wäre ja aufgefallen, dass er ein Mordmotiv hatte, zumindest ein Interesse am rätselhaften Verschwinden von insgesamt fünf Mitgliedern des Gemeinderats. Und selbst vom Tod der hübschen Amtsbotin hatte er profitiert, denn die Stadt besaß ja nur ein Fahrrad, über das Manfred nun ganz allein verfügen konnte. Andrerseits gab es da ja noch jenen Stadtrat, dem die Amtsbotin bei Lebzeiten das Gesicht zerkratzt hatte. Ob der vielleicht ... (Fortsetzung folgt)

Teil 10:

(veröffentlicht in der GABL-Postille vom März 2008)

Als der Frühling ins Land zog, da sollte in dem kleinen südwestdeutschen Städtchen, das durch diese rätselhaften Morde an Gemeinderatsmitgliedern gebeutelt wurde, eine neue Aussegnungshalle gebaut werden. "Oh", sagte Manny Mailman aus durchsichtigen Gründen, "das Thema interessiert mich aber sehr". Und deshalb versteckte er sich hinter einer Säule, als die nichtöffentliche Sitzung des erschreckend schwach besetzten Gremiums begann.

"Ich kenne da einen einheimischen Architekten mittleren Alters", rief ein Politiker von der rechten Seite, "der hat schon solche Hallen gebaut, und zwar so große, dass sie den gestiegenen Bedürfnissen in unserer Stadt gerecht werden". - "Ich kenne da auch einen einheimischen Architekten", rief ein Politiker von der halbrechten Seite, "es ist der Sohn desjenigen Architekten, der vor seinem tragischen Tod neben mir in diesem Gremium saß." - "Auch ich kenne da einen einheimischen Architekten", rief ein Politiker der bürgerlichen Mitte, der selbst Architekt war, "er ist zwar schon recht alt, aber er baut besonders schöne, lichtdurchflutete Hallen".

Da meldete sich wieder ein Politiker der Rechten. Doch der Bürgermeister bewies Führungsqualitäten. "Jetzt ist aber Schluss", rief er kraftvoll, "wir müssen doch nach klaren Kriterien vorgehen. Und deshalb nehmen wir ein junges, ein mittelalterliches und ein altes einheimisches Büro. Weitere Lebensalter gibt es ja nicht, das muss selbst die kritische Presse einsehen". - "Aber ich wollte doch nur etwas über die Vergabe der Elektroleistungen sagen", beklagte sich der von der Rednerliste ausgeschlossene Politiker, "wo ich doch der Inhaber eines Elektrogeschäfts bin.“ - "Ich stelle den Antrag, dass die Befangenheitsgrundsätze in dieser Angelegenheit außer Kraft gesetzt werden“, rief ein fünfter Politiker älteren Alters, "wir müssen doch alle sterben.“ Da hat er Recht, dachte Manny Mailman bei sich. Ein sechster Politiker mittleren Alters rief: "Ich stelle den Antrag, dass an die drei Architekten drei Preise im Wert von 100 000 DM vergeben werden“. Alle Anträge wurden mit sechs gegen fünf Stimmen angenommen. (Fortsetzung folgt)   

Teil 11:

(veröffentlicht in der GABL-Postille vom April 2008)

Kurz vor dem Ende der denkwürdigen nichtöffentlichen Sitzung des Gemeinderates wurde Manny Mailman hinter der einzigen Säule, die einem Lauscher Schutz bieten konnte, aufgespürt. Aufregung breitete sich im Saale aus. Doch der Bürgermeister bewies Führungsqualitäten, weil seine Wiederwahl schon in zwei Jahren anstand. In Handschellen, die er (aus was für Gründen auch) immer bei sich hatte, ließ er den Postboten ins denkmalgeschützte Stadtgefängnis überführen.

Dort saß Manny Mailman nun im Warmen und konnte über seine Sünden nachdenken. Der Bürgermeister seinerseits dachte darüber nach, wie die (wenn auch stark zusammengeschrumpfte Zahl der) Gemeinderäte an die überaus notwendigen Drucksachen gelangen konnten. Sie lesen diese sowieso nicht, erkannte er in einem Anflug von weiser Erkenntnis, weil ich die Drucksachen bei jedem Tagesordnungspunkt kraftvoll und ausführlich erkläre, bevor sie die erste Bürgermeisterin ihrerseits ausführlich und wortreich erklärt. Außerdem erinnerte sich der Bürgermeister daran, dass er die entsprechende Drucksache nach jeder Wortmeldung eines Gemeinderates abermals wortreich und kraftvoll erklärte, vor allem, wenn die Öffentlichkeit von der Sitzung nicht ausgeschlossen war.

Als Ergebnis seiner aufwendigen Erinnerungsarbeit kam er zu der Erkenntnis, dass man eigentlich die Stelle des Postboten ersatzlos streichen könne. Doch wohin dann mit Manny Mailman? Vielleicht könnte man ... (Schluss folgt) 

 

Teil 12 (Schluss):

(veröffentlicht in der GABL-Postille vom Mai 2008)

In dieser schwierigen Situation kam es nicht auf die Führungsqualitäten des Bürgermeisters an. Denn der international bekannte Genfood-Konzern Santa Terra nahm sich der kleinen württembergischen Stadt an, die durch die vielen Morde weltweit bekannt geworden war. Um die überlebenden Gemeinderäte für ihre zukünftige Arbeit wieder zu sensibilisieren, lud er sie zu einem kommunalpolitischen Abendessen ein. 

Sogleich meldete sich derjenige Stadtrat, der schon mit der ermordeten Amtsbotin und den beiden ebenfalls ermordeten Stadträtinnen zu Abend gespeist hatte. "Ein Stadtrat kennt keine Angst", rief er, "ich wollte schon längst ein leckeres Maisgericht probieren." Er schaute sich im Saal um, fand aber keine Stadträtin, die mit ihm den Abend verbringen wollte. "Eine schöne neue Aussegnungshalle haben wir ja in Auftrag gegeben", sagte ein Stadtrat der bürgerlichen Mitte, "ich gehe auch zu dem Essen. Es wird wohl nicht lange dauern." "Wir sind alle befangen", erklärten die Vertreter der GRÜNEN. "Wir müssen erst ein Gutachten in Auftrag geben, bevor wir uns entscheiden können", sprachen die Vertreter der links sitzenden Fraktion im Chor. "Unsere Fraktion isst nur bei einheimischen Handwerkern, äh Köchen", sagte der Vorsitzende der rechts stehenden Partei. 

"Könnten Sie nicht Ihre Gattinnen mitbringen?" fragte der Bürgermeister die beiden Stadträte, die sich bereitwillig mit den Maiskolben anfreunden wollten, kraftvoll. Aber diese schüttelten den Kopf und murmelten: "Einer pro Familie reicht. Schicken Sie doch den im Gefängnis sitzenden Amtsboten mit zu dem Essen. Er hat eine besonders große Portion für das verdient, was er in der letzten Zeit geleistet hat." Das war ein guter Vorschlag. Und so gelangte Manny Mailman zu seiner wohlverdienten Henkersmahlzeit und Santa Terra zu einem neuen Versuchsfeld.