April 2003

Kinder verursachen keine Kosten und bringen keinen Nutzen! Kosten-Nutzen-Rechnung bei Kindereinrichtungen ist purer Unsinn! 

von Eberhard Schmalzried

Seit einiger Zeit ist es in der Leonberger Stadtverwaltung üblich, für städtische Einrichtungen den Kostendeckungsgrad zu berechnen. Wenn die Kassen leer sind, dann kann mittels dieses Instruments leicht nachgewiesen werden, dass sich so manche Einrichtung nicht "rechnet" und dass deshalb die Benutzungsgebühren erhöht werden müssen. 

Jetzt sind die Kindergärten und Kindertagesstätten ins städtische Visier geraten. Die Einnahmen decken die Ausgaben nicht, also ist der Kostendeckungsgrad zu niedrig. Also - so meinen Kämmerer und Sozialreferentin - könnten sie an der Gebührenschraube drehen. 

Im normalen Geschäftsleben ist die Berechnung des Kostendeckungsgrads sicher nützlich und lehrreich. Wer etwa eine neue Maschine erwirbt, tut sie dies in der Erwartung, dass sie auf Dauer mehr Nutzen bringt als Kosten verursacht. 

Auch bei städtischen Einrichtungen kann es sinnvoll sein, den Kostendeckungsgrad zu ermitteln. Die Stadt wird die Abwassergebühren so gestalten, dass die Aufwendungen für Kanäle und Kläranlage einigermaßen gedeckt werden. Die Gebühren für die Ausstellung eines Reisepasses wird sie so veranschlagen, dass der Steuerzahler schlussendlich nicht draufzahlt. Dasselbe gilt für die Stadthalle und für Parkhäuser - oder müsste zumindest gelten. 

Andere städtische Leistungen entziehen sich jedoch dieser Berechnung. Nehmen Sie den Stadtpark. Durch Pflege, Reinigung, Wegebau und ähnliches verursacht er Kosten, aber die Besucher gehen darin kostenlos spazieren. 

Der Hausmeister und die Reinigungskräfte einer Schule verursachen Kosten, bringen aber keine Einnahmen. Ihr Kostendeckungsgrad ist demnach schlecht. Dennoch wird niemand bestreiten, dass diese Personen von erheblichem Nutzen sind. Sie arbeiten im Hintergrund, sorgen aber dafür, dass das Schulhaus im Schuss bleibt. Die Berechnung eines Kostendeckungsgrades ist unsinnig. 

Das gleiche gilt für Kindergärten und Kindertagesstätten. Kinder sind Mitmenschen. Sie sind ein selbstverständlicher Teil unseres Daseins, sie bereichern unser Leben, "sie sind unsere Zukunft". In diesem Sinn entziehen sich die Kosten, die Kinder verursachen und der Nutzen, den sie bringen, jeder ökonomischen Berechnung. So wenig wir beim Kauf eines schönen Buches eine Kosten-Nutzen Rechnung anstellen, beim Besuch eines Konzertes oder beim Spaziergang durch den Frühlingswald, so wenig ist die Kosten-Nutzen-Rechnung in der Kindererziehung angebracht. 

Einrichtungen für Kinder sind eine Angelegenheit der Allgemeinheit, der gesamten Gesellschaft. Wie ein Stadtpark, wie Schulen, wie frische Atemluft müssen auch Einrichtungen für Kinder kostenfrei zur Verfügung stehen. Gebühren für Kindergärten und Kindertagesstätten wurden eingeführt, als ausschließlich der Vater zur Arbeit ging und die Mutter daheim für die Kindererziehung zuständig war. Damals war es ein Privileg, Kinder aus dem Haus zu geben. Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute gehen Väter wie Mütter außer Haus zur Arbeit - falls sie welche haben. Väter und Mütter zahlen Steuern und Beiträge zur Kranken- und Rentenkasse, aus der später alle ihren Nutzen ziehen. 

Einrichtungen der Kindererziehung sind Investitionen in die Zukunft. Wenn sie von der Allgemeinheit zur Zeit (noch) nicht gebührenfrei zur Verfügung gestellt werden können, dürfen wir doch das Gesamtziel nicht aus den Augen verlieren: Nämlich einen kostenlosen Besuch für alle Kinder.

 

veröffentlicht in der GABL-Postille vom April 2003

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