Juni 2003

Der Dichter und Bauer Christian Wagner 

aus Warmbronn (1835-1918) gehört zu den literarischen Außenseitern des späten 19. Jahrhunderts. Sein vorwiegend lyrisches Werk, geprägt von einer Naturphilosophie der "Schonung alles Lebendigen", wurde erst ab 1885 publiziert und ist keiner Richtung oder Schule zuzurechnen. 

Als Autodidakt, ohne höhere Schulbildung, lebenslang der bäuerlichen Arbeit und dörflichen Umgebung verpflichtet, hat Wagner ein Werk geschaffen, das von stark ethischen Werten getragen ist. Ein beträchtlicher Teil seiner Lyrik gehört zum bleibenden Bestand der deutschen Literatur. Schon zu Lebzeiten erfuhr der Autor namhafte Unterstützung, vor allem von Hermann Hesse, der 1913 eine Auswahlausgabe der Gedichte Wagners herausgab. 

Nach seinem Tod fand Wagner Fürsprecher etwa in Theodor Heuss, Albrecht Goes, Hermann Lenz und Peter Handke. Jetzt hat die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt eine schöne, zweibändige Ausgabe veröffentlicht, die wir jedem Freund des Dichters herzlich empfehlen. 

Im ersten Band "Das dichterische Werk" steht eine repräsentative Auswahl seiner Gedichte, Kurzgeschichten und weiterer verstreuter Schriften. Im zweiten Band "Lebenszeugnisse und Rezeption" finden sich autobiographische Aufzeichnungen, sowie Briefe und Dokumente unter anderem von Hermann Hesse, Kurt Tucholsky, Theodor Heuss, Albrecht Goes. Stephan Hermlin schrieb 1985 über Christian Wagner: "Wer beim Lesen seiner Verse in einer Zeit des Wahnsinns und der Lüge nicht schamrot wird, ist kein Mensch. Aus der Tiefe der Erde steigt da etwas auf, legt uns leicht die Hand auf die Stirn, und es ist noch nicht alles verloren". 

Die Bände wurden von Ulrich Keicher, Warmbronn, herausgegeben und kosten zusammen 49 €uro. 

Eine Kostprobe aus dem Inhalt? Bitte sehr: Zur Heimatkunde: "Auf dem Längenbühl". Zu Wagners Situation im engen Warmbronn ein Zitat aus einem Brief an Gustav Landauer. Und - in der dritten Spalte - was Kurt Tucholsky über den Dichter Christian Wagner dachte:

 

Auf dem Längenbühl

Noch Rabenschrei und rauher Habichtslaut Heraufwärts von des Wasserbaches Kühle, Doch still der Lärm und weg das Volksgewühle Am Hochgericht, wo nun der Tann sich staut.

Der Galgenweg, wovor dem Wandrer graut, Sich seitlich abzweigt hoch dem Längenbühle; um des Schafotts vermorschetem Gestühle Hie Hexenheil, dort Gottesgnadenkraut. -

Kein Sünderglöcklein läutet vom Spital, Doch da und dort als rote Fingerhüte Stehn blutge Häupter auf dem Henkerspfahl.

Raubmörderblut, das jählings hie versprühte, Und Hexenbrut mit breitem Satansmal Als Blume steht, wie ob es sinnend brüte. -

"Nur aufrecht bleiben! Stolz bleiben bis aufs Äußerste! Stolz wie ein Gott! -

Aber nicht ein Übermensch nach Nietzsche! Nicht ein Gewaltmensch wie Alexander, Cäsar, Napoleon l.- die Eroberung der Welt, d.h. der Menschheit muß auf friedlichem Wege zu Stande kommen, trotz aller Dummköpfe und Mucker, so etwa im Sinne Buddhas, durch Belehrung und Liebe, doch ohne dessen Askese.

Keine Askese! Das ist's, was ich am Kirchentum so unversöhnlich hasse! Vielleicht deshalb, weil in meinem armseligen Nest hinten u. vorne Askese ist".

Was weiß dieser Mann? Was fühlt er? Er fühlte das All. Nicht diesen verschwommenen Pantheismus, von dem schon Schopenhauer gesagt hat, dass er gar nichts sei, denn ob ich Gott leugne oder in jedem Lokalblatt finde, kommt auf dieselbe Trivialität heraus - er fühlte die tiefe Zusammengehörigkeit zwischen Tier, Mensch und Pflanze, Stein und Stern.
Und er liebte das alles. Aber nicht mit dieser verzückten Krampfigkeit, die zu nichts verpflichtet, sondern er liebte das alles ernst und im Einzelnen das Ganze, er ahnte, dass die Erscheinung nicht das Ding ist, und dass nie und nimmer der Mensch im Mittelpunkt dieses Treibens stehen könnte.
Er war - dogmenlos - fromm

 

veröffentlicht in der GABL-Postille vom Juni  2003

zum Inhaltsverzeichnis der GABL-Postillen