Dezember 2003

Warmbronn im Paradies - Ein Weihnachtsmärchen 

von Axel Kuhn 

Es begab sich aber zu der Zeit, als Bernhard Schuler Stadtpfleger in Leonberg war, dass alle Finanzen geschätzet wurden. Da machte sich auch eine Sparkommission auf den Weg über den Berg nach Warmbronn. 

Und es waren Ortschaftsräte in derselben Gegend, die hüteten eines Abends in der Waldgaststätte den Rest ihrer Autonomie. Die Kommission trat ein und sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, siehe, wir verkündigen euch durchschlagende Sparmaßnahmen, die auch den anderen Ortsteilen widerfahren werden. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet euch zuletzt wiederfinden, in Belanglosigkeit gewickelt und ohne Hoffnung auf Mitbestimmung. 

In Warmbronn fand die Kommission nur glückliche Menschen. Schon längst hatte man hier das Postamt abgeschafft. Denn die EinwohnerInnen brauchten keine Briefe mehr zu schreiben; sie standen direkt miteinander in Kontakt. Auch der Polizeiposten war überflüssig geworden in diesen friedlichen Zeiten. Und wenn einmal ein strafrechtlich relevantes Vergehen anstand, warteten die Gesetzesbrecher gehorsamst bis zur allwöchentlich wiederkehrenden Polizeisprechstunde.

 Doch halt! Es gab noch etwas zu tun: Man konnte das Rathaus abschaffen. Dadurch würde die Warmbronner Graswurzeldemokratie noch ein Stück tiefer wachsen. Alle Diskussionsberechtigten würden auf dem Platz beim Backhaus zusammenkommen und in Arbeitsgruppen gründlich darüber reden, ob ein Personalausweis verlängert werden sollte. Man würde keine Parteien mehr kennen, sondern nur noch eine Warmbronner Einheitsliste. Dieses in früheren Diktaturzeiten so verpönte System würde jetzt nur zum Guten ausschlagen. Kein Verwaltungspersonal mehr; kein Wahlkampf mehr: welch ein Einsparpotential! Die Mitglieder des Ortschaftsrates könnten ihre Sitzungen gleich im "Grünen Baum" beginnen. Tagesordnungspunkt eins: Diskussion über die Auswahl der gemeinsam auszulöffelnden Einheitssuppe. Tagesordnungspunkt zwei: Verabschiedung der paritätisch nach den drei Ortsteilen Alt-Most, Neu-Kappes und Manhattan zusammengesetzten Delegation, die die Gesamt-Warmbronner Stimme über den Müllberg hinweg ins Leonberger Tal tragen würde. Diese Stimme würde dort zwar wie immer ungehört verhallen, aber doch mit mehr Anstand untergehen können als früher, da sie heiser vom Gezänk der Parteien gewesen war. Ja, es lohnte sich, Warmbronn die Schließung des Rathauses zum Geschenk zu machen. Und so war die Zweierkommission aus Leonberg doch noch mit einer Sparidee niedergekommen. 

Doch alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Leonberger Sparkommission gesagt hatte. Die Bürgerinnen und Bürger aber behielten alle diese Worte und bewegten sie in ihren Herzen bis zum nächsten Wahltag am 13. Juni 2004.

 

veröffentlicht in der GABL-Postille vom Dezember  2003

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