Februar 2004 

Rat mir, aber rat mir nicht ab! 

von Eberhard Schmalzried 

Beratung ist "in", nicht nur in Niedersachsen, in Berlin und Nürnberg. Auch in Leonberg wird immer wieder solche Hilfe in Anspruch genommen. Nur heißen diese Dienste hier nicht "Beratung", sondern "Gutachten". Eine Zeit lang galt Leonberg als die am besten erforschte Stadt im Land. Dr. Ortlieb antwortete seinerzeit auf eine entsprechende Vorhaltung: "Was wollen Sie, man kann nie genug wissen". 

Leonberg holt "Beratung" ein, wenn eine Straße gebaut werden soll, wenn sich Widerstand regt gegen ein neues Gewerbegebiet oder gegen ein Einkaufszentrum. Die "Gutachten" belegen dann anhand von unendlich langen Zahlenreihen, dass mit dem Bau der Straße der Verkehr abnimmt, dass im Gewerbegebiet viele neue Arbeitsplätze geschaffen werden und dass das neue Einkaufszentrum keinen verschärften Wettbewerb bringt, sondern lediglich möglichst viel Kaufkraft in der Stadt binden soll. 

Manche der Beratungsfirmen, heißen sie nun Brenner und Münnich, Bender und Stahl, Wick und Partner oder einfach GMA, werden sich hüten, einen "Rat" zu geben, den der Auftraggeber Stadt bzw. Gemeinderat gar nicht hören will. Sie werden raten, aber nicht abraten, sie werden sprechen, aber nicht widersprechen. Schließlich wollen sie auch künftig ihre Beratungsdienste anbieten dürfen, "beraten" ist ja ihr Job und sie verdienen dabei gutes Geld. Aus diesem Grund geben sie sich stets flexibel. Es ist vorgekommen, dass ein Berater während der Sitzung des Gemeinderats seine Meinung geändert hat, als sich im Gremium leise gemurmelter Widerstand regte. 

Beratung und Gutachten werden nicht eingeholt, wenn die Sinnhaftigkeit eines geplanten Vorhabens breite Zustimmung findet. Beratung und Gutachten werden dann eingeholt, wenn für das geplante Vorhaben die Argumente fehlen oder wenn sich im Gemeinderat schon im Vorfeld Widerstand abzeichnet. Dann ist kein Auftrag zu abwegig, kein Aufwand zu groß. 

Dann kommt die Stunde von multimedia und powerpoint, Shows, die auch dem hartnäckigsten Gegner im Gemeinderat das Gehirn waschen können bis er schließlich zu allem "ja" und "amen" sagt, wenn er nur bald aus dieser Seelenmassage erlöst wird. 

Es ist abwegig, wenn die Verwaltung Argumente von Beratern einkauft, um den Gemeinde"Rat" zu überreden, wenn ihr die Argumente zum Überzeugen ausgehen.

 

veröffentlicht in der GABL-Postille vom Februar 2004

zum Inhaltsverzeichnis der GABL-Postillen