April 2004 

 Buchbesprechung von Lore Molly:

Julian Barnes "Tour de France"

Kiepenheuer&Witsch, 22,90 €

Im Sommer startet wieder die Tour de France und schon jetzt deutet sich in der Literaturszene das Ereignis an. Leider hauptsächlich durch die Voranzeige von Biografien über einige Tour-Helden. Seit wir in Deutschland wieder auf einen Profi stolz sein können, nehmen die Fernsehübertragungen während der Tour-Zeit einen immer größeren Raum ein. Der Vorteil neben der Veranstaltung selbst ist der, dass wir tatsächlich einiges über unser Nachbarland erfahren - über landschaftliche und bauliche Schönheiten, über Historie und Leute heute.

Letztes Jahr erschien nun das Buch von Julian Barnes mit dem Titel "Tour de France". Wer durch die Tour-Berichte nach mehr Tiefe verlangt, liegt mit diesem Buch richtig.

Julian Barnes, 1946 geboren, fuhr schon als Junge als Tourist mit seinen Eltern über den Kanal in das Land mit dem eigenartig schmeckenden Käse, dem blutigen Fleisch, den undefinierbaren Soßen, dem bitteren Kaffee und den vielen Kathedralen. Aber das war erst der Anfang. Barnes hat sich immer wieder mit Frankreich befasst, auch schreibend ("Flauberts Papagei"). Neben dem Alltag entdeckte er die reiche Kultur in Form von Literatur; Philosophie, Film und Musik. Schon wenn man auf Barnes benutzte Quellen stößt, wird klar, dass hier einer tief eingetaucht ist in ein Land, das uns so nah ist an Kilometern, aber doch immer noch so fern im Bewusstsein: Baudelaire, Beauvoir, Flaubert, Sartre, Shakespeare, Truffaut, Vargas Llosa, Woolf. Und das Schönste daran ist, dass er nicht nur mit brillantem Verstand schreibt, sondern auch mit Witz und scharfer Beobachtungsgabe.

Ein anspruchsvolles Buch. Glücklicherweise ist es geschrieben worden.

  

veröffentlicht in der GABL-Postille vom April 2004

zum Inhaltsverzeichnis der GABL-Postillen