März 2005

 

Gedenken an Kurt Braun

Am 12. Februar 2005 gedachten im Wald oberhalb des Ramtel etwa fünfzig Personen an den Deserteur Kurt Braun. Der junge Soldat aus Eltingen hatte sich hier vor sechzig Jahren, am 12. Februar 1945, das Leben genommen. Er war auf Heimaturlaub und wollte nicht mehr in den sinnlosen und verbrecherischen Krieg ziehen. Nur wenige Wochen vorher war sein Bruder Walter gefallen. Als der Krieg vorbei war, errichtete der Vater für seine beiden Söhne an der Stelle ein kleines Denkmal, an der er den toten Sohn im Wald gefunden hatte.

Ansprache von Klaus Beer am Gedenkstein für Kurt Braun und seinen Bruder Walter am 12. Februar 2005

Hier stehen wir am stillen Ort und lesen auf dem gedankenträchtigen Stein: "Wegen Hitler und seinen Kriegsverbrechern starb hier unser letzter Sohn Kurt Braun geboren 3.2.1924 gestorben 12.2.1945", und auf der Rückseite: "Walter Braun geboren 19.11.1925 gefallen im Osten 7.10.1944".

Der namensgleiche Herr Kurt Braun unserer Tage aus Eltingen hat berichtet, wie er den Stein lange nach dem Kriege zufällig entdeckte und mit dem Vater der um's Leben gekommenen jungen Soldaten ins Gespräch kam. Nach seinen Erzählungen und eigentlich auch aus der Schrift auf dem Stein ist es klar: der junge Soldat Kurt Braun wollte vom Urlaub daheim nicht zurück an die Ostfront, wo vor Berlin die letzten grausamen Schlachten des Krieges tobten. In seiner Verzweiflung kam er hier heraus in den Wald und erschoss sich selbst - am 12. Februar 1945, die französischen Streitkräfte standen schon am Rhein, wenige Wochen später besetzten sie Leonberg.

Sechzig Jahre blieb der Stein beinahe gänzlich unbeachtet, wir können die Schrift nur noch mühevoll entziffern. Seine Unbekanntheit und Einsamkeit ist ein Zeichen dafür, wie weit ungerechte und unangemessene Ansichten verbreitet waren und vielleicht noch sind über die Männer, die sich dem verbrecherischen Krieg entzogen oder entziehen wollten., und das, obwohl 1949 das Recht der Kriegsdienstverweigerung ins Grundgesetz geschrieben wurde.
Als Deserteure wurden sie gebrandmarkt, und sie selbst, wenn sie den Krieg überlebten und ihre Hinterbliebenen galten bis vor kurzem nicht als Kriegsopfer. Dabei war das historische Recht und war das Recht, das in den Sternen steht, ganz auf der Seite derer, die sich dem Krieg Hitlers und seiner nach Millionen zählenden Gefolgschaft verweigerten. Dass wir hier stehen, gehört zum endlich sich wandelnden Bewusstsein vieler Menschen. Freilich ruht hier nur ein einziger sogenannter Deserteur aber unter einem Gedenkstein, der die Wahrheit spricht: er starb "wegen Hitler und seinen Kriegsverbrechern".

Für die vielen KZ-Häftlinge, die aus den Ländern Europas in das Leonberger Lager zur Zwangsarbeit im Autobahntunnel verschleppt wurden, stellt die Gedenkstätteninitiative am 8. Mai zur Erinnerung am Tunnel eine Namenswand auf. Hunderte von ihnen ließen im Zwangsdienst für den Krieg in Leonberg ihr Leben.

Von den aus Leonberg in den Krieg gegen Europa gezogenen deutschen Soldaten zählte man am Ende 310 Gefallene und 225 Vermisste. Die Denkmäler für sie aus der Nachkriegszeit sind namen- und sprachlos. Nirgends auf den Friedhöfen oder woanders finden wir angemessene Beschriftungen über den Zusammenhang der Trauer der Hinterbliebenen mit dem verbrecherischen Charakter des Krieges, in den das deutsche Volk sich hat hineinziehen lassen, und über die gänzlich verfehlten Wege des Deutschen Volkes in seiner Geschichte von den zwei Weltkriegen. Könnte da nicht die Wiederentdeckung dieses kleinen Steins für einen Soldaten und seinen schon vor ihm dem Krieg geopferten Bruder ein Anlass zu einem weitergefassten Gedenken in unserer Stadt sein?

Als Anfang sollten wir und können wir jedenfalls an den Stein von Kurt Braun denken, wenn wir über so manches aus der Vergangenheit und für die Zukunft sprechen.

 

veröffentlicht in der GABL-Postille vom März 2005

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